Du kannst eine Welle nicht anhalten,
aber du kannst lernen, auf ihr zu surfen...
Was ist Trauma? Trauma verstehen und erkennen
Wenn Menschen das Wort Trauma hören, denken viele zunächst an besonders schwere Ereignisse: körperliche oder sexualisierte Gewalt, einen Überfall, eine Entführung, einen schweren Unfall, Kriegserlebnisse oder eine Naturkatastrophe.
Solche Erfahrungen können traumatisch sein. Doch Trauma ist mehr als ein einzelnes schreckliches Ereignis.
Auch wiederholte belastende Erfahrungen, anhaltende emotionale Unsicherheit oder frühe Beziehungserfahrungen können unser Erleben und unser Nervensystem nachhaltig prägen. In diesem Zusammenhang wird häufig von Bindungstrauma gesprochen.
Was bedeutet Trauma?
Vereinfacht gesagt kann ein Trauma entstehen, wenn eine Situation oder eine länger andauernde Lebenssituation unsere Möglichkeiten zur Verarbeitung und Bewältigung übersteigt.
Dabei ist nicht allein entscheidend, was passiert ist, sondern auch, wie unser Körper und unser Nervensystem darauf reagieren konnten.
Zwei Menschen können dasselbe Ereignis erleben und anschließend ganz unterschiedlich damit umgehen. Während eine Person die Erfahrung nach einer gewissen Zeit gut integrieren kann, entwickelt eine andere möglicherweise anhaltende Trauma-Folgesymptome.
Dabei spielen unter anderem eine Rolle:
- das Alter und die Entwicklungsphase
- frühere Erfahrungen und Belastungen
- die individuelle Stressregulation
- vorhandene Schutz- und Bewältigungsstrategien
- die Unterstützung durch andere Menschen
- das Gefühl von Sicherheit während und nach dem Ereignis
Trauma ist deshalb nicht einfach eine Frage von „stark“ oder „schwach“. Traumareaktionen sind Schutzreaktionen des Menschen auf Überforderung.
Welche Arten von Trauma gibt es?
Trauma kann auf unterschiedliche Weise entstehen. In der Traumatherapie und Trauma-Forschung werden deshalb verschiedene Formen und Zusammenhänge beschrieben.
Schocktrauma
Wenn Menschen von einem Trauma sprechen, meinen sie häufig ein sogenanntes Schocktrauma.
Dabei handelt es sich um eine überwältigende Erfahrung oder ein einschneidendes Ereignis, beispielsweise:
- einen schweren Unfall
- einen Überfall
- körperliche oder sexualisierte Gewalt
- eine Naturkatastrophe
- einen Terroranschlag
- eine andere plötzlich auftretende lebensbedrohliche Situation
Ein solches Ereignis kann das Gefühl von Sicherheit grundlegend erschüttern.
Ob daraus anhaltende Traumafolgesymptome entstehen, ist individuell unterschiedlich.
Manche Menschen können das Erlebte mit der Zeit und ausreichender Unterstützung verarbeiten. Andere entwickeln Symptome wie Ängste, Schlafprobleme, Übererregung, Vermeidung, intrusive Erinnerungen oder ein anhaltendes Gefühl von Bedrohung.
Bindungstrauma
Nicht jedes Trauma entsteht durch ein einzelnes Ereignis.
Gerade frühe Beziehungserfahrungen können unser Nervensystem und unsere Vorstellungen von Nähe, Sicherheit und Beziehungen nachhaltig beeinflussen. Hier spricht man häufig von Bindungstrauma.
Als Kind sind wir in besonderem Maße auf unsere Bezugspersonen angewiesen. Wir brauchen nicht nur Nahrung und körperliche Versorgung, sondern auch emotionale Sicherheit, Verlässlichkeit, Zuwendung, Schutz und das Gefühl, mit unseren Gefühlen gesehen und angenommen zu werden.
Wenn diese grundlegenden Bedürfnisse über längere Zeit nicht ausreichend erfüllt werden – beispielsweise durch emotionale Vernachlässigung, wiederholte Zurückweisung, Gewalt, starke Unberechenbarkeit oder fehlende emotionale Verfügbarkeit von Bezugspersonen – kann dies die Entwicklung von Bindungs- und Beziehungsmustern nachhaltig beeinflussen.
Dabei muss nicht immer eine einzelne „große“ Katastrophe passiert sein.
Manchmal sind es gerade die vielen kleinen, wiederkehrenden Erfahrungen, die einem Kind vermitteln:
„Ich bin allein mit meinen Gefühlen.“
„Ich darf keine Bedürfnisse haben.“
„Ich muss mich anpassen, damit ich geliebt werde.“
„Nähe ist nicht sicher.“
„Ich darf anderen nicht vertrauen.“
Solche Erfahrungen können später beispielsweise mit Verlustangst, Bindungsangst, Schwierigkeiten mit Nähe und Distanz, einem starken Bedürfnis nach Kontrolle oder wiederkehrenden problematischen Beziehungsmustern verbunden sein.
Wichtig ist dabei: Bindungstrauma bedeutet nicht automatisch, dass die Eltern „schuld“ sind. Auch Eltern können durch eigene Belastungen, Traumatisierungen, psychische Erkrankungen oder fehlende Unterstützung an ihre Grenzen gekommen sein.
Das Verständnis der eigenen Geschichte soll deshalb nicht beschuldigen. Es soll helfen, die eigenen Reaktionen besser zu verstehen und neue Möglichkeiten zu entwickeln.
Sekundärtrauma und stellvertretende Traumatisierung
Auch Menschen, die selbst nicht unmittelbar von einem traumatischen Ereignis betroffen waren, können durch die wiederholte Konfrontation mit traumatischen Erlebnissen anderer belastet werden.
Dies kann beispielsweise Menschen betreffen, die beruflich regelmäßig mit Leid und traumatischen Situationen konfrontiert sind, etwa:
- Rettungskräfte
- Ärztinnen und Ärzte
- Pflegekräfte
- Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten
- Polizistinnen und Polizisten
- Feuerwehrleute
- Kriseninterventionsteams
Auch Angehörige oder Menschen, die traumatische Erlebnisse anderer miterleben, können emotional stark belastet werden.
In diesem Zusammenhang werden unter anderem die Begriffe Sekundärtrauma und stellvertretende Traumatisierung verwendet.
Soziales Trauma Transgenerationales Trauma
Bei einem sozialen Trauma sind nicht nur einzelne Menschen betroffen. Ein traumatisches Ereignis kann ganze Gruppen oder Gemeinschaften erschüttern.
Dazu können beispielsweise Terroranschläge, Amokläufe, schwere Unglücke, Naturkatastrophen oder Kriegserfahrungen gehören.
Solche Ereignisse können das individuelle Sicherheitsgefühl ebenso beeinflussen wie das Vertrauen in andere Menschen und die Wahrnehmung der eigenen Umwelt.
Transgenerationales Trauma
Traumatische Erfahrungen können auch Auswirkungen auf nachfolgende Generationen haben.
Unter transgenerationalem Trauma wird die mögliche Weitergabe von Auswirkungen traumatischer Erfahrungen von einer Generation an die nächste verstanden.
Besonders bekannt ist dieses Thema im Zusammenhang mit den Erfahrungen von Kriegskindern und ihren Familien.
Menschen, die selbst schwere Belastungen erlebt haben und diese nicht ausreichend verarbeiten konnten, können beispielsweise bestimmte Überlebensstrategien, Ängste, Beziehungsmuster oder Vorstellungen über Gefühle und Sicherheit an ihre Kinder weitergeben.
Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Trauma automatisch biologisch oder psychisch „vererbt“ wird. Vielmehr können unterschiedliche Faktoren zusammenspielen – unter anderem familiäre Beziehungsmuster, Erziehung, Stressregulation, gesellschaftliche Bedingungen und möglicherweise auch biologische Mechanismen.
Ein Beispiel:
Wenn ein Elternteil aufgrund eigener traumatischer Erfahrungen emotional kaum erreichbar ist, kann ein Kind möglicherweise lernen, seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, besonders angepasst zu sein oder die Gefühle der Eltern zu übernehmen.
So können sich Beziehungsmuster über Generationen hinweg fortsetzen.
Das Bewusstsein darüber kann jedoch auch eine Chance sein: Was über Generationen weitergegeben wurde, muss nicht zwangsläufig über Generationen bestehen bleiben.
Trauma verstehen bedeutet, sich selbst besser zu verstehen
Trauma zeigt sich nicht immer offensichtlich.
Manchmal erleben Menschen diffuse Ängste, innere Unruhe, emotionale Überforderung, Schwierigkeiten mit Nähe oder Distanz, wiederkehrende Beziehungskonflikte oder das Gefühl, immer wieder in ähnliche Situationen zu geraten – ohne zu verstehen, warum.
Gerade bei Bindungstrauma können die Zusammenhänge oft erst im Erwachsenenalter sichtbar werden.
Die eigenen Reaktionen sind dabei nicht „falsch“. Sie können einmal sinnvolle Überlebens- und Schutzstrategien gewesen sein.
Traumasensible Begleitung bedeutet deshalb nicht, einen Menschen auf seine Vergangenheit zu reduzieren. Es geht darum, die eigene Geschichte verstehen zu lernen, die Reaktionen des Nervensystems besser einzuordnen und Schritt für Schritt neue Erfahrungen von Sicherheit, Selbstwirksamkeit und Beziehung zu ermöglichen.
Sie sind nicht Ihre Traumageschichte.
Ihre Vergangenheit kann erklären, warum Sie heute bestimmte Gefühle, Reaktionen oder Beziehungsmuster entwickeln. Sie muss jedoch nicht bestimmen, wie Ihre Zukunft aussieht.
Termine für ein Erstgespräch über eine Trauma-Therapie erhalten Sie unter Mobil 0170.490 5755
